Die Internationale Energieagentur (IEA) hat einen Analysebericht veröffentlicht zum Thema Biomethanpotenzial der Ukraine und seiner Bedeutung für Europas Versorgungssicherheit. Die Veröffentlichung analysiert ausführlich die Chancen und Herausforderungen unseres Markts.
Der Bericht zeigt, wie die Ukraine zu einem wichtigen Lieferanten grünen Gases für die EU werden kann. Die IEA formuliert rechtliche und finanzielle Empfehlungen, um Investitionen anzuziehen, Netzanschlüsse zu vereinfachen und Exporthemmnisse abzubauen.
Vorteile der Ukraine bei der Biomethanproduktion
Die ukrainischen 33 Mio. Hektar Agrarfläche bieten Zugang zu großen Rohstoffmengen: landwirtschaftlichen Abfällen und Reststoffen, Zwischenfrüchten, agroindustriellen Nebenprodukten und organischen Siedlungsabfällen. Allein aus Abfällen und Reststoffen schätzt die IEA das jährliche Biogas- und Biomethanpotenzial auf rund 11,6 Mrd. m³ Erdgasäquivalent. Damit ist die Ukraine europäischer Spitzenreiter bei der verfügbaren Rohstoffbasis.

Neben der Rohstoffverfügbarkeit verfügt die Ukraine über eine gut ausgebaute Gasinfrastruktur. Das Netz verbindet das Land im Westen und Süden mit Polen, Ungarn, der Slowakei und über Moldau mit Rumänien. Die gemeinsame jährliche Ausspeisekapazität beträgt rund 140 Mrd. m³ Erdgas. Außerdem besitzt die Ukraine die größten unterirdischen Gasspeicher Europas mit insgesamt 31 Mrd. m³ Kapazität. Sie liegen überwiegend im Westen, weit von der Front entfernt, und könnten neben Erdgas auch Biomethan speichern. Diese Infrastruktur schafft eine gute Grundlage für den Produktionsausbau und neue Erlöse bei wachsender europäischer Nachfrage nach erneuerbaren Gasen.
Wichtige jüngste Branchenerfolge
Der ukrainische Biogassektor wächst seit seiner Herausbildung 2015 stetig. Mitte 2025 waren 85 Anlagen mit einer installierten elektrischen Gesamtleistung von 140 MW elektrisch in Betrieb. Darunter waren Deponiegasanlagen mit etwa 33 MW. Die Zahlen entsprechen einer jährlichen Biogasproduktion von ungefähr 260–300 Mio. m³. Bislang wird der größte Teil für Strom und Wärme genutzt.
Parallel entsteht der Biomethanmarkt. Die erste ukrainische Anlage speiste 2023 ins nationale Netz ein. Im Februar 2025 folgte der erste Export in die EU. Im Herbst 2025 wurde außerdem erstmals verflüssigtes Biomethan per Lkw aus der Ukraine nach Deutschland transportiert.
Im März 2026 arbeiteten sieben ukrainische Biomethananlagen mit insgesamt 111 Mio. m³ Jahreskapazität, entsprechend rund 0,5 % des ukrainischen Gasverbrauchs. Trotz des geringen Anteils am nationalen Bedarf ist dies mit der frühen kommerziellen Entwicklung in Dänemark vergleichbar: Dort lag die Produktion zunächst unter 0,2 Mrd. m³ jährlich, bevor sie in den 2010er-Jahren rasch auf heute etwa 1 Mrd. m³ stieg. Für 2026 werden in der Ukraine fünf weitere Anlagen mit zusammen 20 Mio. m³ Jahreskapazität erwartet. Dies markiert den Übergang von Pilotvorhaben zum frühen Marktausbau.

Erneuerbare Gase für Widerstandsfähigkeit, Flexibilität und Sicherheit
Biomethan stärkt die ukrainische Versorgungssicherheit unmittelbar, da es Gasimporte ersetzt. Nach russischen Angriffen 2025, die zeitweise rund 60 % der Produktion stilllegten, ist dies besonders wichtig. Dezentrale Biomethananlagen sind weniger anfällig für großflächige Angriffe. Sie erhöhen die Widerstandsfähigkeit des Energiesystems im Krieg und unterstützen seinen langfristigen Wandel.
Außerdem beschleunigt Biomethan die europäische Integration: Es senkt Emissionen im Verkehr und in der Schwerindustrie, insbesondere der Metallurgie, und hilft Exporteuren, CBAM-Anforderungen zu erfüllen. Die Branche stärkt auch Landwirtschaft und Beschäftigung, erweitert den Markt für organische Dünger und unterstützt den heimischen Maschinenbau: Rund 50 % der Anlagentechnik werden in der Ukraine hergestellt.
Die strategische Bedeutung erneuerbarer Gase in Europa wächst
Die EU betrachtet Biomethan als zentrales Strategieelement. REPowerEU sieht einen Produktionsanstieg auf 35 Mrd. m³ bis 2030vor. Laut IEA-Prognosen werden jedoch nur etwa 26 Mrd. m³ erreicht. Diese Lücke unterstreicht den Bedarf an externen Lieferanten — auch im AccelerateEU-Paket von 2026 ist dies verankert.
Die starke EU-Nachfrage, insbesondere in Deutschland, bietet attraktive Preissignale. Ukrainische Biomethanproduktion gilt bei Verkaufspreisen von800–900 Euro je 1.000 m³als rentabel. Die Herstellungskosten liegen bei etwa 650 Euro je 1.000 m³, während inländisches Erdgas vor Beginn des Nahostkonflikts rund 382 Euro kostete. Manche EU-Biomethanmärkte bieten bis zu 1.000 Euro je 1.000 m³, was Exporte besonders attraktiv macht.
Nationale Ziele und zentrale Ausbauhemmnisse
Das ukrainische Programm zur Entwicklung der Biomethanproduktionwurde im April 2026 verabschiedet und setzt ambitionierte Ziele von 1 Mrd. m³ Biomethan jährlich bis 2030 und 2,1 Mrd. m³ bis 2035. Es baut auf den Produktionszielen des Nationalen Energie- und Klimaplans und des Nationalen Aktionsplans für erneuerbare Energien von 2024 auf.
Der Energie- und Klimaplan enthält auch Prognosen für Wärme und Kälte aus Biogas, Strom aus Biogas und Biomethan sowie Biomethan im Verkehr. Zusammen entsprechen sie bis 2030 zusätzlich rund 2 Mrd. m³ Erdgasäquivalent aus Biogas neben dem Biomethanziel von 1 Mrd. m³. Biomethan dürfte schneller wachsen; günstigeres, direkt vor Ort nutzbares Biogas bleibt aber ein wichtiger Teil der Versorgung mit erneuerbaren Gasen.

Mehrere Herausforderungen bremsen den Ausbau. Biomethan konkurriert auf einem stark subventionierten Erdgasmarkt, auf dem Haushalte und Fernwärmeunternehmen nur etwa ein Drittel der Marktpreise zahlen. Förderinstrumente, die den Umweltvorteil von Biomethan abbilden, sind schwach. Beispielsweise ist die ukrainische CO₂-Steuer sehr niedrig : etwa 30 UAH beziehungsweise 0,6 Euro je Tonne CO₂. Zudem wird Biomethan trotz seines biogenen Ursprungs weiterhin wie fossiles CO₂ besteuert — anders als in Schweden, Deutschland und dem Vereinigten Königreich.
Weitere Herausforderungen sind technische und infrastrukturelle Einschränkungen: Gasnetze müssen modernisiert und angepasst, Qualitätsstandards eingehalten und Netzanschlüsse mit Betreibern abgestimmt werden. Kriegsrisiken belasten außerdem das Vertrauen in- und ausländischer Investoren.
Fortschritte bei der Regulierung
Die Erfahrungen mit erneuerbarem Strom bieten Orientierung. Fördermechanismen des Gesetzes über alternative Energiequellen und wettbewerbliche Ausschreibungen unterstützten den Ausbau der Biogasverstromung. Ein ähnlich stabiler und transparenter Rahmen für Biomethan könnte Investitionen beschleunigen, Risiken senken und die Integration in europäische Energiemärkte fördern.
Der Zugang zu EU-Exportmärkten ist für Nachfrage und Investitionen besonders wichtig. Die Ukraine hat konkrete Schritte unternommen: die Freigabe von Biomethanexporten und seit 2023 verschiedene Anreize für Biogas- und Biomethanprojekte über 12 Mio. Euro. Dazu gehören Steuerbefreiungen, Zollbefreiungen für neue Anlagen, bevorzugte Landnutzungsrechte und Ausgleichszahlungen für Netzanschlusskosten.
Ein weiterer Meilenstein war der Start des nationalen Biomethanregisters im Februar 2026. Auf Grundlage der 2023 unterzeichneten EU-Ukraine-Absichtserklärung orientiert es sich an EU-Anforderungen für Nachhaltigkeit, Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit. Zertifikate können ausgestellt, übertragen und entwertet werden; Doppelzählungen werden vermieden. Dies bereitet die künftige Verbindung mit der Unionsdatenbank vor. Das Programm zur Biomethanentwicklung bis 2035 samt Aktionsplan schafft darüber hinaus kurz- und mittelfristige Produktionsziele mit institutioneller Koordination und einer klaren Umsetzungsstrategie.
Empfehlungen zum Ausbau des ukrainischen Biomethansektors
Ein klarer, stabiler Politikrahmen kann Investitionsrisiken senken, inländische Nachfrage schaffen und die europäische Marktintegration fördern. Vorrangige Aufgaben sind:
- Eine klare langfristige Strategie und wirksame Steuerung umsetzen. Das verabschiedete Entwicklungsprogramm bis 2035 sollte durch klare Zuständigkeiten und Koordination wirksam umgesetzt werden. Ergänzend sind Ziele nach 2035 nötig, die zu den EU-Klimazielen passen.
- Gezielt finanziell fördern und Investitionsrisiken mindern. Zu prüfen sind Produktionsanreize wie Marktprämien oder Differenzverträge, Investitionszuschüsse, vergünstigte Finanzierungen und Instrumente zur Risikoteilung. Internationale Mittel sollten weiter mobilisiert werden.
- Infrastrukturintegration und EU-Marktzugang ermöglichen. Genehmigungen und Netzanschlüsse vereinfachen, Gasnetze modernisieren, Nachhaltigkeitsstandards weiter an die EU angleichen und verbleibende Exporthemmnisse beseitigen.
